DR. POP UND DIE MACHT DER MUSIK
Foto: Marvin Ruppert
Foto: Marvin Ruppert

Interview: David Wienand

Fotos: Marvin Ruppert

DR. POP UND DIE MACHT DER MUSIK

Der Dr. des Pop ist tatsächlich einer, der an der Humboldt Universität in Berlin über den Orientalismus in der Popmusik promoviert hat. Und als solch ein neugieriger Wissenschaftler taucht der gebürtige Wattenscheider Markus Henrik gerne auch tiefer in die populäre Musik ein und beschäftigt sich in seiner aktuellen Buchveröffentlichung »Macht Musik!« einerseits mit … Doch lassen wir den Herrn Doktor, Musik- Kabarettisten, Moderator und Autor doch selbst darüber sprechen im Gespräch mit David Wienand für Bochum macht Spaß.

Herr Doktor, du hast mit »Macht Musik!« einen durchaus mehrdeutigen Titel für dein neues Buch gewählt. Welche Bedeutungen von Musik verstecken sich hinter dem Wortspiel?
Einerseits ist: Macht Musik! natürlich eine Aufforderung. Das kann schon unter der Dusche anfangen – wer dort regelmäßig singt, hat einer Studie zufolge ein besseres Selbstbewusstsein und Immunsystem. Andererseits geht es um die Macht der Musik – also darum, wie stark sie unser Gehirn, unsere Gefühle, unsere Erinnerungen und unsere Gesellschaft positiv beeinflussen kann.

Hat es so etwas wie eine Initialzündung gegeben, die dich dazu gebracht hat, dich mit den Wirkungsweisen der Musik auf Menschen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Lebenssituationen auseinanderzusetzen?
Ich liebe es, Studien zum Thema Musik zu lesen. Und als ich vernahm, dass in England bei einem sechsmonatigen Versuchsaufbau Menschen zwischen 70 und 80 Jahren Klavierunterricht spendiert wurde, sie alle daran Spaß hatten, sich danach aber auch ihre Koordinations- und Rückwärtseinparken-Fähigkeiten verbesserten, da spätestens war mir klar: Mehr davon und ab in ein Buch damit. Das alles angereichert mit persönlichen Geschichten. Viele davon übrigens aus meiner Ruhrgebietsheimat. Sehr wichtig war mir auch, weiterzutragen, wie gut Musik in der Kindheit, aber auch im hohen Alter, etwa bei Demenzpatienten, helfen kann. Damit möchte ich Angehörigen Anregungen bieten.

Wie unterschied sich die Recherche für dieses Buch von der für deine vorherigen Buchveröffentlichungen?
Ich habe nicht nur musikgeschichtliche oder popkulturelle Themen angeschaut, sondern mich intensiv mit musikpsychologischen und medizinischen Erkenntnissen beschäftigt. Das habe ich schon in einem Buch vor fünf Jahren gemacht, aber hier sind nun brandaktuelle Studien drin. Und das neue Buch ist wie ein Leben aufgebaut: Es beginnt bei der Geburt (oder sogar schon davor im Mutterbauch) und geht über das Lebensende hinaus – denn wir alle hallen irgendwann nach, vielleicht auch durch unsere Plattensammlung.

Auch um humorige Passagen kommt die Leserschaft deines Buches nicht herum. Wie viel Spaß hat dir selbst die Arbeit an dem Buch bereitet?
Sehr viel. Gerade weil Musik ja etwas Emotionales und Lebendiges ist, schreibe ich mit Freude darüber. Und Komik entsteht oft durch reale Situationen: Dass meine Grundschullehrerin mal zu uns Kindern im Musikunterricht sagte: „Nee, nee, dat einzig gute Geräusch, dat aus euren Blockflöten kommt, is, wenn man die Dinger in der Mitte durchbricht“, das ist wirklich vorgefallen. So etwas und mehr musste einfach ins Buch rein.

Gab es bei deinen Recherchen Entdeckungen oder Erkenntnisse, die dich selbst am meisten überrascht haben?
Mich hat überrascht, dass Babys mit wenigen Tagen auf der Welt zwischen einem Dreiviertel- und Viervierteltakt unterscheiden können. Das ist messbar an Hirnströmen. Mancher sagt sich da: Das kriege ich ja nicht mal als Erwachsener hin. Oder wie gut sich Schmerzmittel in der Medizin durch Musik reduzieren lassen. Aber nicht durch eine allgemeine Beschallung – es hat viel mit unseren Musikvorlieben zu tun, dass Musik richtig dosiert helfen kann.

Würdest du uns offenbaren, welche Wirkung welche Musik bei welcher Gelegenheit auf dich selbst hat oder hatte?
Ich muss öfter mal um 4.30 Uhr aufstehen, wenn es für mich ins Frühstücksfernsehen geht. Da setze ich Musik so etwas von zum Wachwerden ein! Es gibt übrigens eine Studie dazu, dass das Wecken mit Musik deutlich gesünder und langfristig besser für den Tag ist, als wenn wir das mit einem schrägen Alarmton machen. „Space Oddity“ von David Bowie ist ein toller, sanfter Aufwachsong, mit dem man langsam in den Tag abheben kann.

Du zitierst in deinem Buch u. a. den U2-Gitarristen The Edge. Glaubst du, dass Musik auf die heutige Generation auch noch eine solche Wirkung hat?
Ja, absolut. Es kommen immer wieder interessante Musikphänomene nach – da denke ich aktuell spontan an Angine de Poitrine – aber auch Sachen von früher schießen regelmäßig bei TikTok hoch. Vor Kurzem feierte „Bohemian Rhapsody“ 50-jähriges Jubiläum und dazu gab es unzählige kreative Reels einer jungen Generation, die durch Serien wie „Stranger Things“ auch Kate Bush bzw. starke 80er-Sounds feiern. Und wir erleben generationsübergreifend einen großen Zulauf bei Live-Konzerten, trotz Ticket-Preisen, die noch teurer sind als einmal volltanken.

BOCHUM MACHT SPASS bedankt sich für das Gespräch.
Vielen Dank, das hat großen Spaß gemacht. Und Bochum bleibt natürlich immer ein besonderer Ort für mich. Zwei Instrumente habe ich dort zuletzt gekauft: eine Akustikgitarre und ein kleines Harmonium, um in meiner Show etwas über Depeche Mode zu thematisieren: Die haben damit nämlich mal eine Demo erstellt. Also, liebe Leute, unterstützt den Einzelhandel vor Ort statt großer Online-Konzerne. Und gerne auch Bochumer Buchläden, vielleicht über eine Bestellung von »Macht Musik!«.

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